Research
Free·Research

Exit-Logik beim 2.-Kerze-Breakout: Lohnt es sich, den Stop zu bewegen?

2026-06-05·11 Min. Lesezeit·Timon Krüger

Datenbasis: DAX / FTSE / NQ / Dow M5 + M1, Jan 2018 – Feb 2026, ~2.090 Handelstage je Index. Aufbauend auf der 2.-Kerze-Studie — identischer Trigger, Fokus ausschließlich auf der Exit-Logik. Spread ist in jede Kennzahl eingerechnet (1 Pkt Round-Trip + 1 Pkt Stop-Slippage). Keine Trading-Empfehlung, keine Renditezusage.

Die 2.-Kerze-Studie zeigte wann und wie weit der Markt nach dem Bruch läuft. Diese Studie beantwortet die Anschlussfrage: Wie steigt man aus? 37 Exit-Varianten — inklusive Exit an der Asia-Session-Kante und der Overnight-Range-Kante (ONR) — werden auf identischen Trades gegen eine feste Referenzregel verglichen. Anders als Phase-1-Studien ist hier der Spread von Anfang an in jeder R-Zahl enthalten (Phase-2-Standard).

Die Referenzregel (Baseline)

Parameter Definition
Entry am Bruch der Referenzkerzen-Kante
Stop-Loss Gegenkante der Referenzkerze (= 1R)
Take-Profit keiner
Exit Stop-Loss oder Tagesschluss
Kosten 1 Pkt Spread je geschlossene Position + 1 Pkt Stop-Slippage

Netto nach Spread liefert die Baseline einen Profit-Faktor von 0,88 (FTSE) bis 1,21 (NQ), im Mittel 1,09 — nur 3 von 4 Indizes profitabel (FTSE kippt mit Spread ins Minus). Das ist die typische Trend-Signatur: hohe Stop-Quote (57–68 %), niedrige Win-Rate (28–37 %), Erwartungswert aus dem Tail.

⚠️ Die Referenzregel ist ein Vergleichsanker, kein validiertes Live-System. Die Profit-Faktoren sind netto nach Spread, aber nicht walk-forward-validiert.

Das zentrale Ergebnis

Welche Exit-Logik schlägt die Baseline?

Strategie Mean PF Profitabel auf
Time-BE 30 min 1,52 4/4
Time-BE 60 min 1,30 4/4
Exit@ONR + BE60 1,23 4/4
Exit@Asia + BE60 1,22 4/4
Time-BE 90 min 1,22 3/4
Baseline (Halten EOD/SL) 1,09 3/4
Trailing Chandelier 3×ATR 1,09 3/4
Fester TP 5R 1,07 3/4
Fester TP 3R 1,04 3/4
Exit@Asia (allein) 1,03 3/4
Exit@ONR (allein) 1,02 3/4
Fester TP 2R 1,01 3/4
Break-Even @ 1R 0,99 3/4
Trailing %MFE 50 0,76 0/4
Break-Even @ 0,5R 0,62 0/4

Nur zeit-basiertes Break-Even (Stop nach fester Zeit auf Entry) und seine Kombinationen mit den Level-Exits schlagen die Baseline auf allen vier Indizes. Trailing, Teilgewinne, Multi-TP und frühes R-Break-Even liegen neutral bis schädlich.

Time-Break-Even: der Spread korrigiert das Artefakt

Time-BE Optimierungskurve

In der idealisierten (spread-freien) Vorversion stieg der PF bei früherem Break-Even ins Absurde (PF 22 bei 5 min). Mit eingerechnetem Spread löst sich das größtenteils auf:

BE-Zeitpunkt DAX PF DAX Total-R FTSE NQ Dow
5 min 2,29 175 1,07 2,67 3,15
10 min 2,25 247 1,26 2,46 2,46
15 min 1,95 252 1,30 2,18 1,89
20 min 1,86 278 1,24 1,97 1,69
30 min 1,73 345 1,13 1,67 1,57
60 min 1,31 236 1,01 1,50 1,37
90 min 1,29 261 0,94 1,41 1,25
Baseline 1,15 220 0,88 1,21 1,13

Kernbefund nach Spread: Das Total-R-Optimum liegt bei ~30 min (DAX 345 R), nicht mehr bei 5 min (nur 175 R) — der Spread frisst die vielen Break-Even-Exits der extrem-frühen Variante. Der PF bleibt bei 5 min optisch hoch (2,29), aber das ist ein Survivor-Effekt: Bei DAX ist 1 Pkt Spread nur ~2,6 % von R (38 Pkt), zu wenig für vollen Kollaps. Ehrliche Lesart: 30 min ist der Sweet-Spot — bestes Total-R bei noch solidem PF. Beim FTSE (kleines R) drückt der Spread die ganze Kurve sichtbar nach unten — ab 90 min sogar unter 1,0.

Risikoprofil statt Mehrertrag

Baseline vs Time-BE

Index PF Ref → BE60 Total-R Ref → BE60 MaxDD Ref → BE60 Win% Ref → BE60
DAX 1,15 → 1,31 220 → 236 46R → 33R 31 % → 14 %
FTSE 0,88 → 1,01 −198 → +12 238R → 88R 28 % → 13 %
NQ 1,21 → 1,50 273 → 381 29R → 17R 37 % → 20 %
DOW 1,13 → 1,37 180 → 276 40R → 34R 34 % → 18 %

Der größte Effekt ist die Drawdown-Reduktion (DAX −28 %, FTSE −63 %, NQ −41 %) und dass FTSE überhaupt erst ins Plus kommt (−198 → +12 R). Der Gesamtertrag steigt moderat, die Win-Rate sinkt deutlich — viele Trades enden am Break-Even. Time-BE macht die Strategie primär ruhiger und robuster, nicht primär ertragreicher.

Exit an der Asia-/ONR-Kante

Asia/ONR-Exits

Eine naheliegende Idee: nicht bis zum Tagesschluss halten, sondern an der Asia-Session-Kante (00:00–08:00 Berlin) bzw. der Overnight-Range-Kante (Vortags-Close → heute-Open) Gewinn mitnehmen. Diese Level wirken als Take-Profit, der SL bleibt bei 1R.

Strategie Mean PF 4/4 Exit-Verteilung (ONR, ⌀)
Exit@Asia (allein) 1,03 3/4
Exit@ONR (allein) 1,02 3/4 30 % Level, 52 % SL, 17 % EOD
Exit@Asia + BE60 1,22 4/4
Exit@ONR + BE60 1,23 4/4

Befund: Die Kante allein als TP triggert in ~30 % der Trades — und ist kaum besser als die Baseline (PF ~1,03). Das passt zum Sweep-Befund der Vorstudie: Der Move durchbricht die Kante in 75–85 % der Fälle, statt dort zu drehen — ein TP an der Kante kappt also genau die Trend-Tage, die den Erwartungswert tragen. Erst kombiniert mit Time-BE-60 (Risiko schnell absichern, dann an der Kante TP) wird der Ansatz robust 4/4 profitabel (PF 1,22–1,23). Die Kante ist als alleiniges Ziel schwach, als Baustein eines abgesicherten Exits aber brauchbar.

Die Decke: was ein perfekter Exit holen würde

Oracle-Ceiling

Der Oracle-Exit (Ausstieg exakt am Hochpunkt, perfekte Vorausschau) ist die theoretische Obergrenze — netto nach Spread:

Exit DAX FTSE NQ Dow
Bestes mechanisch (Time-BE 60) 236 R 12 R 381 R 276 R
Oracle 60 % 2.775 R 2.620 R 2.304 R 2.446 R
Oracle 80 % 3.721 R 3.542 R 3.092 R 3.272 R
Oracle 100 % 4.667 R 4.464 R 3.881 R 4.098 R

Auch nach Spread holt der perfekte Exit ~15–20× mehr als die beste mechanische Regel. Selbst 60 % des perfekten Moves liegen bei ~2.500 R (~10×). Der gesamte Mehrwert liegt nicht im Entry — der ist identisch — sondern ausschließlich im Exit-Timing. Hier hat menschliche Diskretion ihren größten, mechanisch nicht abschöpfbaren Vorsprung. Wie nah ein realer Trader an die Decke kommt, entscheidet sein Können.

Pre-Trade-Filter: helfen sie dem Edge?

Filter-Lift

Zum Edge-Bau gehört neben Entry und Exit auch die Frage: Verbessern Pre-Trade-Filter das Ergebnis? Sieben Filter werden auf das beste Regelwerk (2.-Kerze-Break + Time-BE-60, netto Spread) gelegt. Entscheidend ist nicht der mittlere PF-Lift, sondern ob der Filter auf allen vier Indizes positiv wirkt — sonst ist es vermutlich Overfitting. Jeder Filter ist ein zusätzlicher Parameter und damit ein Overfit-Risiko.

Filter = Wert Mean-Lift Min-Lift konsistent 4/4
Ref-Kerze groß (Q4) +0,23 +0,00 nein
NR7 / NR4 +0,17 / +0,16 −0,02 / −0,01 nein
Inside-Day +0,14 −0,09 nein
Short-Seite (side=down) +0,13 +0,01 JA

Kernbefund: Von sieben Filtern ist nur die Short-Seite auf allen vier Indizes konsistent positiv. NR4, NR7, Inside-Day und große Referenzkerze sehen im Mittel attraktiv aus (+0,14 bis +0,23 PF), fallen aber auf mindestens einem Index ins Minus — Curve-Fit. NR4 hebt den DAX-PF eindrucksvoll von 1,31 auf 1,99, generalisiert aber nicht.

Das ist die Overfitting-Falle in Reinform: Ein Filter, der auf einem Markt brilliert, ist meist Zufall — auf vier Märkten gleichzeitig zu bestehen ist die Hürde, die echte von scheinbaren Edges trennt. Für die spätere Validierung wird daher das schlanke Regelwerk ohne fragile Filter verwendet.

Add-ons: Pyramiding & Größen-Sweep

Das letzte Add-on der Edge-Entwicklung ist kein Filter, sondern eine In-Trade-Frage: Lohnt es, in laufende Gewinner nachzulegen (Scale-in / Pyramiding)? Getestet auf der Basis (2.-Kerze + Time-BE-60, netto Spread): Wenn der laufende MFE +1R (bzw. +2R) erreicht, wird eine Zusatz-Unit auf diesem Niveau gekauft; ein ratschender gemeinsamer Stop zieht nach jedem Add eine Stufe höher. Entscheidend — und genau dein Einwand: nicht nur volle Größe, sondern ¼, ½, voll und getapert im Sweep.

Bewertet wird nicht nach PF, sondern nach dem Kelly-Kriterium: G* = geometrisches Log-Wachstum pro Trade beim wachstumsoptimalen Hebel f* (das, was Kapital tatsächlich compoundet — und Drawdown automatisch bestraft).

Pyramiding Größen-Sweep, Kelly-Wachstum

Index Metrik Basis ¼@1R ½@1R voll@1R getapert
NQ G* (%/Trade) 0,82 0,68 0,62 0,53 0,58
Kelly-f* 0,10 0,08 0,07 0,05 0,07
DAX G* 0,25 0,20 0,17 0,13 0,17
DOW G* 0,42 0,23 0,17 0,10 0,16
FTSE G* 0,00 ~0 0 0 0

Cross-Asset-Mittel gegenüber Basis: ¼@1R −0,09, ½@1R −0,13, voll −0,18, getapert −0,15 G* — keine Größe ist auf allen vier Indizes ≥ Basis.

Kernbefund: Die Reihenfolge ist auf jedem Index monoton: Basis > ¼ > ½ > voll. Kleinere Adds richten weniger Schaden an, aber keine Größe schlägt „gar nicht nachlegen". Mehr noch: der Kelly-Hebel f* sinkt beim Nachlegen (NQ 0,10 → 0,05) — Pyramiding macht die Strategie weniger hebelbar, nicht mehr. Es erzwingt eine perfekt korrelierte Zusatzposition zu schlechterem Einstand (+1R) am selben Stop; das hebt die Varianz stärker als den Mittelwert, und Kelly (= Mittel der Log-Renditen) bestraft genau das.

Auch ein Momentum-Filter rettet das nicht. Legt man nur in schnelle Trends nach (+1R in ≤ 30 min erreicht), bleibt das Kelly-Wachstum auf allen drei Edge-Märkten unter der Basis (NQ 0,63 vs 0,82; DOW 0,17 vs 0,42; DAX 0,19 vs 0,25) — die schnellen Adds sind sogar die schlechtesten, weil eine schnelle Spitze auf +1R oft Überdehnung ist, die zurückläuft und das Add am Hoch erwischt. Ein Schein-Plus entsteht nur auf dem edge-losen FTSE — also Rauschen.

Die saubere Konsequenz: Die wachstumsoptimale Add-Größe ist 0. Wer mehr Exposure auf diesen Edge will, hebelt die Basis gleichmäßig — das ist Position-Sizing und gehört nach Phase 4 (Kelly), nicht in eine Pyramiding-Mechanik. Reines Größer-Traden skaliert jedes R linear und lässt PF/Recovery unberührt; Pyramiding verschlechtert beides.

Fazit

Über vier Indizes und ~2.090 Tage je Index, netto nach Spread:

  1. Trailing-Stops, Teilgewinne, Multi-TP bringen nichts — die meisten verschlechtern das Ergebnis, weil sie den Tail kappen oder normale Pullbacks ausstoppen.
  2. Feste Take-Profits überleben den Spread kaum (PF ~1,0) — der Edge liegt im Tail, nicht im Ziel.
  3. Zeit-Break-Even ist die einzige mechanische Modifikation mit echtem Edge — nach Spread ist ~30 min der Sweet-Spot (bestes Total-R), der Effekt liegt vor allem in der Drawdown-Reduktion.
  4. Exit an Asia-/ONR-Kante allein ist schwach (kappt den Tail), aber kombiniert mit Time-BE robust 4/4.
  5. Der perfekte Exit holt ~15× heraus — allein im Exit-Timing, nicht im Entry.
  6. Pre-Trade-Filter generalisieren fast nie — nur der Short-Bias hält cross-asset; jeder weitere Filter ist Overfit-Risiko.
  7. Pyramiding lohnt in keiner Größe — ¼/½/voll/getapert senken alle das Kelly-Wachstum; die wachstumsoptimale Add-Größe ist 0. Exposure-Erhöhung gehört als gleichmäßiger Hebel nach Phase 4, nicht in eine Scale-in-Mechanik.

Das so gebaute, schlanke Regelwerk geht als nächstes durch das Validierungs-Gate (Phase 3).

Die unbequeme Wahrheit: Unter den mechanischen Regeln ist das Beste, was man mit dem Stop tun kann, fast nichts — ihn nach ~30 min auf Break-Even ziehen und laufen lassen. Der wirklich große Hebel liegt im diskretionären Exit-Timing.

Limitationen: Spread modelliert (1 Pkt), Slippage nur als Stop-Aufschlag geschätzt — real erst im Forward-Test messbar. Referenzregel = Vergleichsanker, nicht walk-forward-validiert. Trend-Logik bis EOD/SL. Single-Source-Daten (Dukascopy). News-Events/Volumen nicht abgedeckt.


📄 Volle Studie als PDF · Siehe auch: 2. Eröffnungskerze · 7. Eröffnungskerze

Disclaimer: Historische Statistiken sind keine Garantie für zukünftiges Marktverhalten. Keine Anlageberatung. Trading birgt Verlustrisiken bis zum Totalverlust.