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Trend-Tag-Detektion über die 2. Eröffnungskerze

2026-06-01·8 Min. Lesezeit·Timon Krüger

Datenbasis: DAX / FTSE / NQ / Dow M5 + M1, Jan 2018 – Feb 2026, ~2.090 Handelstage je Index. Move-Logik: bis End-of-Day oder Stop-Loss (Trend-Verfolgung). Keine Trading-Empfehlung, keine Renditezusage.

Diese Studie testet die verbreitete These, die 2. 15-Minuten-Kerze nach Cash-Open liefere einen besonders tragfähigen Trend-Breakout. Der entscheidende Unterschied zur Pre-Market-Studie: Der Move wird nicht bei der ersten Gegenkerze beendet, sondern bis zum Tagesschluss verfolgt — es sei denn, der Stop-Loss (Gegenkante, 1R) greift vorher. So werden echte Trend-Tage erfasst.

Index 2. Kerze (lokal)
DAX 09:15–09:30
FTSE 100 08:15–08:30
Nasdaq / Dow 09:45–10:00 NY

Reichweite & Trend-Tag-Verteilung

Reichweite bis EOD/SL

Index R-Med (Pkt) ≥ 1R ≥ 2R ≥ 3R ≥ 5R
DAX 38,0 50,2 % 30,7 % 19,4 % 7,2 %
FTSE 15,2 50,2 % 30,1 % 16,6 % 6,4 %
NQ 48,0 50,8 % 28,0 % 14,5 % 4,7 %
Dow 82,0 51,0 % 28,1 % 16,1 % 4,8 %

Etwa jeder zweite Tag erreicht ≥ 1R. Echte Trend-Tage (≥ 3R) sind seltener (14–19 %), große Trends (≥ 5R) selten (5–7 %). DAX und FTSE zeigen die fettesten Trend-Tails.

Stop-Quote vs. Trend-Tail — die Trend-Signatur

Stop-Quote vs Trend-Tail

Weil bis zum Tagesschluss gehalten wird, ist die Stop-Quote hoch: 57,4 % (NQ) bis 67,8 % (FTSE). Das ist kein Mangel, sondern die Natur des Trend-Tradings: viele kleine Stops, wenige große Läufer. Der Erwartungswert entsteht aus dem Tail, nicht aus der Trefferquote.

Timing — hier (fast) irrelevant

Break-Geschwindigkeit

Anders als bei der Pre-Market-Kerze ist die Hit-Rate über alle Timing-Buckets nahezu konstant (~50 %). Wann der Bruch erfolgt, sagt wenig über den Trend-Erfolg — plausibel, denn der Trend-Tag entwickelt sich über Stunden.

Offset — Bestätigung zahlt sich aus (Gegenteil der Pre-Market-Kerze!)

Offset-Effekt

Index 0R (sofort) 0,5R 1,0R
DAX 50,2 % 57,3 % 59,4 %
FTSE 50,2 % 56,0 % 57,6 %
NQ 50,8 % 54,0 % 53,0 %
Dow 51,0 % 53,4 % 53,4 %

Der vielleicht wichtigste Befund: Ein Offset erhöht hier die Hit-Rate (DAX 50,2 % → 59,4 % bei 1R). Er filtert die unmittelbaren Fehlausbrüche heraus — wer auf Bestätigung wartet, erwischt eher die echten Trend-Tage. Das ist das genaue Gegenteil der Pre-Market-Kerze, bei der jeder Offset schadete.

Richtungswechsel & Asia-/ONR-Sweep

First Break vs Richtungswechsel

Nach einem Fehlausbruch bricht fast immer (~90–97 %) die Gegenseite, aber sie erreicht nur in 44–51 % der Fälle 1R — über alle Tage 19–24 %. Der Richtungswechsel bleibt die schwächere Seite.

Verhalten am Asia-/ONR-Level

Weder Asia- noch ONR-Kante wirken als Umkehr-Level: Erreicht der Trend-Move das Level, durchbricht er es in ~75–85 % der Fälle. Für ein Trend-Setup ist das sogar erwartbar — und deckt sich mit der DAX-Pre-Market-Studie.

Pre-Market-Kerze vs. 2. Kerze (DAX) — komplementär

Kennzahl Pre-Market-Kerze 2. Eröffnungskerze
Move-Logik bis Gegenkerze/SL bis EOD/SL (Trend)
Hit ≥ 1R 56,8 % 50,2 %
Hit ≥ 5R 4,3 % 7,2 %
SL-Hit-Quote 37,2 % 64,9 %
Break-Speed-Effekt stark schwach
Offset-Effekt senkt Hit-Rate erhöht Hit-Rate

Die beiden Setups sind komplementär: Die Pre-Market-Kerze ist ein Impuls-Setup (höhere Trefferquote), die 2. Kerze ein Trend-Setup (fetterer Tail). Vor allem dreht sich der Offset-Effekt um — Bestätigung schadet beim Impuls, hilft beim Trend.

Profit-Faktor und Spread-Sensitivität

Profit-Faktor vs Spread

Bisher wurde nur die Reichweite in R betrachtet — spread-unabhängig. Für eine handelbare Einordnung muss der Spread als fixe Punkt-Kostenstelle einbezogen werden. Getestet wird eine einfache feste TP-Regel (Take-Profit bei 1R bzw. 2R, Stop-Loss bei 1R) bei Round-Trip-Spreads von 0 / 0,5 / 1 / 2 Punkten.

Spread als Anteil von R (fixer Spread trifft enge Märkte härter):

Spread DAX (R≈38) FTSE (R≈15) NQ (R≈48) Dow (R≈82)
0,5 Pkt 1,3 % 3,3 % 1,0 % 0,6 %
1,0 Pkt 2,6 % 6,6 % 2,1 % 1,2 %
2,0 Pkt 5,3 % 13,2 % 4,2 % 2,4 %

Profit-Faktor der festen TP-1R-Regel:

Spread DAX FTSE NQ Dow
0,0 1,01 1,01 1,03 1,04
0,5 0,98 0,94 1,00 1,03
1,0 0,95 0,87 0,98 1,01
2,0 0,89 0,76 0,92 0,98

Kernbefund: Die feste TP-Regel ist schon bei null Spread nur grenzwertig profitabel (PF ~1,0) und fällt mit Spread klar darunter — am stärksten beim FTSE (kleines R, Spread frisst 3–13 % von R). TP-2R ist durchweg schlechter (PF 0,7–0,9). Das ist kein Widerspruch, sondern die logische Konsequenz der Trend-Natur: Feste Take-Profits kappen genau den fetten Tail, der den Erwartungswert trägt. Der Wert dieses Setups liegt nicht in festen Zielen, sondern darin, die Gewinner laufen zu lassen — exakt der Befund der Exit-Logik-Studie. Anders als die Pre-Market-Kerze (Impuls-Setup, TP-1R PF bis 2,5) eignet sich die 2. Kerze nicht für feste TPs.

Merkmale der 2. Kerze: Inside-Bar, Farbe, ONR-Lage

Verändert die Beschaffenheit der 2. Kerze selbst den Erwartungswert des Break-Trades? Drei Merkmale, cross-asset über alle vier Indizes geprüft, gemessen am realisierten Netto-R (Time-BE-60, netto Spread):

Inside-Bar (2. Kerze komplett innerhalb der 1.): kein nachteiliger Effekt — entgegen der naheliegenden Vermutung. Cross-asset +0,13 R (inside) vs +0,11 R (nicht-inside), per Index gemischt (NQ/DOW leicht besser inside, DAX/FTSE leicht schlechter). Eine Inside-Bar ist also nicht negativ — sie liefert nur ein kleineres R, der Ausgang pro R ist praktisch gleich. Kein nutzbares Filter-Signal.

Farbe der 2. Kerze (bullisch vs. bärisch): komplett irrelevant. Bullisch +0,11 R vs bärisch +0,11 R cross-asset — und per Index widersprüchlich (DAX mag bullisch, DOW bärisch). Reines Rauschen.

Schluss relativ zur Overnight-Range (ONR) × Break-Richtung: hier steckt echte Struktur.

ONR-Lage × Break-Richtung

Schluss der 2. Kerze Break ↑ (Long) Break ↓ (Short)
über ONR +0,16 +0,22
in ONR +0,06 +0,15
unter ONR −0,07 +0,13

(cross-asset Erwartungswert in Netto-R pro Trade)

Kernbefunde:

  1. Short schlägt Long in jedem ONR-Bucket (cross-asset) — bestätigt die Short-Tendenz der Serie (konsistent auf NQ/FTSE/DOW; DAX neutral).
  2. Bestes Setup: Schluss über der ONR, dann Break nach unten (+0,22 cross; NQ +0,36, DAX +0,34, DOW +0,21) — ein Reversal-Short nach Overnight-Stärke. Das stärkste und konsistenteste Positiv-Signal.
  3. Einziges negatives Bucket: Schluss unter der ONR, dann Break nach oben (−0,07 cross; NQ/FTSE −0,18) — ein Long gegen die Overnight-Schwäche. Vorsicht: auf DAX/DOW leicht positiv, also Tendenz statt harte Regel.

Übernacht-Gap (heute Open vs. gestern Close) × Break-Richtung: dasselbe Muster, noch klarer.

Gap × Break-Richtung

Break ↑ (Long) Break ↓ (Short)
Gap up +0,07 +0,21
Gap down +0,08 +0,13

(cross-asset Erwartungswert in Netto-R pro Trade)

Kernbefund: „Gap up → Break nach unten" (Gap-Fade-Short) ist das stärkste Setup (+0,21) — und als einziges auf allen vier Indizes positiv (NQ/DOW +0,31, DAX +0,17, FTSE +0,05). Short schlägt Long in beiden Gap-Regimen. Ein Gap-down erzeugt dagegen keinen starken Richtungs-Edge (beide Seiten ~+0,08…+0,13). Das deckt sich exakt mit dem ONR-Befund: die höchste Erwartung liegt im Shorten der Morgen-Stärke (Schluss über ONR bzw. Gap-up → Break nach unten).

Ehrlich eingeordnet: ONR-Lage und Gap tragen Signal (Gap-Fade-Short sogar 4/4-konsistent), aber mit Index-Streuung — und jede zusätzliche Bedingung ist ein Parameter und damit Overfit-Risiko. Wie man solche Merkmale überhaupt in einen Algorithmus einführt — und warum eine Risiko-/Größen-Anpassung (Conviction-Sizing) dabei meist robuster ist als ein harter Filter — steht in der Methodik. Inside-Bar und Kerzenfarbe sind dagegen klare Null-Resultate.

Fazit

Die 2. Eröffnungskerze ist teilweise ein Trend-Breakout — mit klarer Asymmetrie: keine hohe Trefferquote (~50 %, Stop 57–68 %), aber fette Tails (≥ 3R an 16–19 %, ≥ 5R an 5–7 %). Wer die vielen Stops aushält, fängt die wenigen großen Trend-Tage. Über alle vier Indizes konsistent. Feste Take-Profits überleben den Spread nicht — der Edge liegt im Tail, nicht im Ziel.

Limitationen: Trend-Logik bis EOD/SL (andere Exits → andere Zahlen); Spread ist modelliert (siehe Spread-Sektion), Slippage jedoch nicht; Single-Source-Daten; News-Events/Volumen nicht abgedeckt.


📄 Vollständige Studie als PDF · Siehe auch: 7. Eröffnungskerze

Disclaimer: Historische Statistiken sind keine Garantie für zukünftiges Marktverhalten. Keine Anlageberatung. Trading birgt Verlustrisiken bis zum Totalverlust.